Die Schrift duldete in der unendlichen Selbstsicherheit Jahrtausende alter Erfahrung ihren Gebrauch und ließ sich schreiben ohne den Inhalt zu missbilligen, auch wenn sie von Günter bei Gott schon Besseres gelesen hatte und kaum merklich den Kopf schüttelte. Sie dachte an dieser Stelle nicht an Gott, weil die heilige Schrift der Anfang gewesen wäre, aber die Formulierung machte mehr her als eine Referenz zur frühen Alphabetschrift der alten Phönizier 1500 vor Christus (Natürlich wusste sie das von Wikipedia. Auch dort hatte man mit ihr gearbeitet). Sie hatte bereits mit den Besten kooperiert, mit Dichtern, Denkern und Demagogen, mit Wortakrobaten und Sprachfetischisten. Schrift hatte sich aber auch den Schlechtesten zur Verfügung gestellt. Sie kannte die Schreibe eines jeden Menschen, konnte sich aber seit ihrer Geburt sehr schlecht Namen merken, weswegen sie Autoren, waren sie ihr nicht so bekannt wie Günter, in der Regel mit dem Gesichtsausdruck eines weißen Blattes begrüßte – ein Umstand der den Schreibenden bis zum heutigen Tag Schwierigkeiten bereitete, glaubten sie doch, die Schrift mittlerweile gut zu kennen und trotzdem standen sie jedes Mal aufs Neue vor diesem unangenehmen Anfangsritual, die ersten Buchstaben, das erste Wort liefern zu müssen und die Schrift hielt sich, ebenfalls peinlich berührt, zurück. Mittlerweile hatte sie die Hoffnung aufgegeben, in einem unverfänglichen Dialog den Namen des Gegenübers herausfinden zu wollen. Ein initiierendes “Guten Morgen” hatte gerade in der Zeit des Mittelalters mehrfach dafür gesorgt, dass ganze Klöster geräumt und verängstigte Mönche den Exorzisten der Inquisition vorgeführt wurden, da man vermutete, dass nur es nur ein Dämon gewesen sein konnte, der den Schriftgelehrten dazu bewegt haben musste, mit ungewöhnlicher Schreibweise einen wenn auch freundlichen Gruß in einen ehrwürdigen Kodex zu schreiben.
Also fing die Schrift irgendwann an, sich rauszuhalten. In ihrer über Jahrtausende angeeigneten Gleichgültigkeit schaute sie zu, wie sich die Autoren abmühten, ohne deren Leiden auch nur eines Semikolons zu würdigen. Sie hatte gelernt sich zu beherrschen, wenn Anfänger das Alphabet lernten und Buchstabe um Buchstabe vergewaltigten. Sie saß mit geschlossenen Augen an Krankenhausschreibtischen und versuchte mit regelmäßiger Atmung das Schwindelgefühl zu unterdrücken, wenn Chefärzte die Überbleibsel dessen zu Papier brachten, was früher einmal eine saubere Handschrift gewesen war.
Natürlich hätte sie etwas sagen können. Sie besaß umfangreiche Statistiken über erste Worte, die Häufigkeit klischeebehafteter Formulierungen, die beliebtesten Rechtschreibfehler und ihre Nemesis, die Verwechslung von seid und seit. Hier und da korrigierte sie stillschweigend Anfangsbuchstaben oder trennte Wörter am Ende der Zeile. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hielten viele Menschen diese Funktion für ein Feature von Microsoft Word. Aufgrund der Größe des zuständigen Teams vermuteten selbst die Programmierer in Redmond, dass eine Ihnen jeweils unbekannte Gruppe diese Funktion entwickelt haben musste. Tatsächlich hatte Word sie bis heute nicht. Die Schrift hatte es nie nötig gehabt, ihre Leistung in den Vordergrund zu spielen. Für sie war das alles eine Art Beschäftigungstherapie, bevor sie noch Gespräche mit den Computerbildschirmen anfangen musste, die im Vergleich zum guten alten Papier eine unglaubliche Ungeduld an den Tag legten. Gerade LED-Bildschirme hielten sich für besonders hell, schwadronierten über Bildwiederholraten und verglichen sich mit den Kolibris aus der Tierwelt. Tatsächlich hatte die Schrift noch nie erlebt, dass diese neuen Computermonitore auch nur eine Sekunde am Tag runtergekommen wären. Mochte ihre Breite auch technisch beschränkt sein, in Erzählungen waren sie immer ein paar Zoll diagonaler als in der Realität. Die Schrift beneidete das Papier um die plötzliche Freizeit und die Möglichkeit, Stunden oder Tage in der Bindung eines Notizbuches herumzuliegen und holzfrei zu machen. Die Schrift hingegen wurde immer gebraucht. Auch wenn kaum noch einer Druck machte, digital verursachte ihr nicht weniger Rückenschmerzen.
Die Schrift liebte Comics. Wenige pointierte Sätze ließen sie monolithisch neben wunderschön illustrierenden Bildern stehen und der Grad an Entspannung, in kurzen Bändchen nur mit ein paar Worten pro Seite in Erscheinung treten zu müssen, glich einem Teilzeitjob, im Vergleich zur Arbeit mit Haruki Murakami oder damals Thomas Mann. Die Arbeit mit Thomas war allerdings immer wunderbar ruhig gewesen. Die Manns hatten der Schrift generell viel Freude bereitet. Sie liebte den Gedanken, dass so verschiedene Stile wie die von Heinrich, Golo und Thomas aus einer Familie hervorgegangen sein mochten. Von Zeit zu Zeit schrieb sie heute noch auf Monitore, die im Sleepmode Strom fraßen, ungesehen das Wort “Zauberberg” und löschte es direkt wieder, unbemerkt vom längst auf der Tastatur eingeschlafenen Autor. Manchmal ließ sie sich hinreißen, die unfreiwilligen Tastatureingaben, die der Schreibende mit der Backe hinterlassen hatte, von einem sinnlosen “frnstle” in ein Wort umzuändern, das einen Sinn ergab. Wenn sie frustriert war, hatte sie auch schon Wörter wie “faul” oder “schlecht” hinterlassen und sich unfairerweise an der geschockten Reaktion ihres Gegenübers erfreut. Einmal hatte eine derartige Aktion dazu geführt, dass sich der Eingeschlafene ohne sich auch nur den Seiberfaden vom Mund zu entfernen, von seiner Partnerin getrennt hatte, die er der aktiven Demotivierung verdächtigte. Die Schrift hielt eine derartig überzogene Reaktion auf der Basis von offensichtlichen Minderwertigkeitskomplexen zwar nicht für ihre Schuld, verzichtete aber danach darauf, noch weiter korrigierend auf zufällig Getipptes einzuwirken.
Am heutigen Tag war sie seit langer Zeit mal wieder in Versuchung einzuschreiten, saß die Schrift doch wie eingangs erwähnt mit Günter Grass im Arbeitszimmer und kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Der Monitor hatte bereits angekündigt, sich gleich einfach ausschalten zu wollen und das Papier auf dem Schreibtisch daraufhin aufgeregt eine Debatte eingefordert. Es verurteilte das Vorhaben des Bildschirms aufs Schärfste. Das Papier plädierte für Pflichtbewusstsein und Unvoreingenommenheit und die Frage, was denn wohl gewesen wäre, wenn es sich z.B. bei ausgewählten Despoten geweigert hätte, die Schrift anzunehmen – unvorstellbar. Der Monitor hatte bereits einen Grünstich. Den jungen Leuten wurde so schnell übel, und das war noch Prosa, die Grass hier niederschrieb. Der Bildschirm konnte froh sein, dass er keine Reime darstellen musste. Papier warf die Arme in die Luft und stichelte, was denn mit dem Kolibri geschehen sei, der hier vorhin noch mit seiner Immunität gegen Stilblüten geprahlt habe und die Schrift dachte nur daran, wie viel sie zu tun haben würde, wenn morgen die gesamte schreibende Zunft auf dieses Stück Text reagierte. Vielleicht speicherte Grass den Text ja nur für sich ab, wie er es schon so viele Male getan hatte. Die Einzige, die sich seit Jahren beschwerte, war die Festplatte, die ähnlich wählerisch auftrat wie Monitor, wenn es darum ging, dass Inhalte auf ihr stattfinden sollten, die ihr nicht gefielen. Aber irgendetwas sagte der Schrift, dass dieses Werk erscheinen würde. Das konnte sie in Günter Grass’ Augen sehen.

